17 Das Märchen vom Frühlingsball in Wurzerlsgarten

Die kleine Biene besucht die neu angekommenen Krokusse, bevor sie zu ihren alten Freunden, den Winterlingen fliegt.

Es ist schon ein paar Jährchen her, dass die ersten Elfenkrokusse in Wurzerls Garten das Licht der Welt erblickten. Eigentlich sollte es der schönste Moment in ihrem Leben werden, aber der Neid und die Eifersucht der bereits blühenden Blumen, vor allem des Winterlings, verängstigte die zarten Geschöpfe restlos.

Die Elfenkrokusse blühen auf in Wurzerlsgarten

Nachdem das kleine Bienchen, noch etwas benommen vom Winterschlaf, am Winterling vorbeigeflogen war, um in der Nektarbar der Krokusse zu naschen, wurde der Winterling, der die Jahre davor immer die bevorzugte, allererste Anlaufstelle des Bienchens war, fuchsteufelswild. Das Bienchen erschrak, flog zur Blumenelfe und bat sie um Hilfe für die eingeschüchterten Krokusse. Die handelte flugs, begrüßte die Neuankömmlinge auf das herzlichste und taufte sie, überwältigt von ihrer zarten Schönheit, auf den Namen “Elfenkrokus”. Dann nahm sie ihre Schützlinge bei der Hand und führte sie mitten in Wurzerls kleine Wiese, weit weg vom gehässigen Gezeter des Winterlings. An diesem schönen Platz fühlten sich die Elfenkrokusse so wohl, dass sie sich jedes Jahr stetig vermehrten.

Die Elfenkrokusse, Crocus tommasianum, auf der Wiese in Wurzerlsgarten

Die Winterlinge schauten missmutig vom Bachhügel aus zu, wie Wurzerls Wiese jedes Jahr fliederfarbiger wurde. “Boah”, dachte sich Mama Winterling eines Morgens, “was die können, kann ich doch schon lange” und sie überschüttete den Bachhügel mit ihren kleinen eiförmigen Babys, die überall hin kullerten.

Samen des Winterlings in Wurzerlsgarten

Der alte Farn und der schwarze Schlangenbart staunten nicht schlecht, als sie plötzlich auf die Show-Bühne gehoben wurden und im goldgelben Scheinwerferlicht der Winterlinge erstrahlten. Erst jetzt war der Winterling einigermaßen zufrieden und besänftigt. Hauptsache, diese hässlichen Krokusse, von denen kein Mensch ahnen konnte, was die Blumenelfe und das Bienchen für einen Narren an denen gefressen hatte, kehrten nicht zurück in das Rampenlicht des Bachhügels. Gut, dass der Gartenweg eine natürliche Grenze darstellte.

Winterlinge, Farn und Schlangenbart auf dem Bachhügel in Wurzerlsgarten.

So vergingen einige Jahre und der Bachhügel wurde im Februar immer noch sonniger gelb, während auf der anderen Seite des Gartenweges, die Wiese immer violetter wurde.

Winterling im Grasbüschel in Wurzerlsgarten.

Eines der Winterling-Kinder hatte den unausgesprochenen Groll seiner Mama nicht mitbekommen. Der kleine Purzel, so heißt das aufgeweckte Kerlchen, ist wissbegierig und abenteuerlustig und darum rollt er den Hang hinunter, um über das Gartenpflaster bis zur Wiese zu gelangen. Da ist so viel Platz und ganz andersfarbige, hübsche Blumen, aber zack, hält die kleine, weißgrüne Grassegge den Purzel fest und versteckt ihn unter ihren Blättern. “Da darfst Du nicht rüber, Deine Mutter hat es strengstens verboten!” “Warum?” wispert der kleine Winterling und da erzählt ihm die Segge die ganze katastrophale Vorgeschichte:

https://www.wurzerlsgarten.de/maerchen/1-die-geburtsstunde-des-elfenkrokus/

Die Elfenkrokusse beraten sich mit dem alten Baccus, wie der Friede im Frühlingsgarten bewahrt werden kann.

Fast zeitgleich besuchen die Elfenkrokus-Kinder die Blumenschule. Herr Bacchus, ihr Lehrer, erklärt ihnen gerade, warum sie den Weg zum Bachhügel nicht überqueren dürfen, als plötzlich der Zwobel auftaucht: “Wir treffen uns nach dem Mittagläuten mit dem Wurzerl auf der Terrasse – Krisensitzung!” und weg war er wieder. Mittags kommt das Wurzerl mit einer dicken Wolldecke auf die Terrasse. Es ist zwar ein sonniger, aber doch auch kalter Tag. Der Bacchus, der Zwobel und die Blumenelfe sitzen schon auf der Bank und schmiegen sich gleich mit dem Wurzerl zusammen unter die Decke.

Das Füchslein hat oben an der Spitze des Bachhügels einen guten Überblick über den Garten.

Als Letzter erscheint der Fuchs. Er springt nicht auf die Bank, sein Fell ist wärmer als jede Wolldecke. Der Rotbart hat um die Unterredung gebeten und ergreift auch gleich das Wort: “Liebes Wurzerl, Du sagst immer, dass in Wurzerlsgarten alle Bewohner glücklich sein sollen. Aber das ist leider, seitdem die Schneeglöckchen, Winterlinge und Krokusse fast zeitgleich letzte Woche aufgeblüht sind, nicht mehr der Fall.” Dann erzählt der Fuchs vom Winterling-Kind, das so gerne auf die Wiese zu den violetten Blumen möchte und von den Krokus-Kindern, die vom gleißenden Goldgelb der Winterlinge auf dem Bachhügel fasziniert sind, aber nicht hingehen dürfen. Zuletzt erzählt der Rotbart von den vielen Schneeglöckchen, die ihn voller Angst bedrängen, weil die Winterlinge sich so ungeniert vermehren, dass sie den weißen Glöckchen schon viele ihrer angestammten Plätze weggenommen haben und ihm immer näher auf den Pelz rücken.

Wurzerlsgarten wird festlich herausgeputzt.

Die Blumenelfe schaut zum Wurzerl und fängt an zu lächeln. Wenn sie die tausend kleinen, sprühenden Sterne in deren Augen sieht, dann weiß sie schon, dass sie nicht gebraucht wird. Wurzerl sprudelt förmlich über vor lauter Ideen und im Nu ist die Kälte auf der Terrasse vergessen. Die Vorgehensweise wird genau besprochen, damit der diplomatische Erfolg auch sicher ist. Wurzerl will einen Frühlingsball veranstalten. Sie kümmert sich selbst um die Dekoration im Garten. Als I-Tüpfelchen holt sie noch einen Spiegel und stellt ihn in der Blumenwiese auf. So kennt sie das von den Ballsälen in Versailles oder im Schloss Herrenchiemsee. Der Bacchus lädt die Winterlinge zum Tanzen auf die Blumenwiese ein, während der Fuchs mit den Elfenkrokussen und den Schneeglöckchen spricht. Der Zwobel springt in die entlegensten Gartenecken, um allen Blüten und Tieren im Garten, die Einladung zum Frühlingsball zu überreichen. Auch die Blumenelfe wird gebraucht, sie weiß, wo der Amselmann seinen winterlichen Unterschlupf hat und fliegt zu ihm. Der Star-Tenor hat keine Allüren und kümmert sich gerne um die Tanzmelodien. Auch wenn seine Stimme noch etwas eingerostet ist, denn seine angebetete Amsel-Madame ist noch nicht in Hochzeitsstimmung so früh im Jahr, er lässt sich für den guten Zweck nicht lange bitten.

Der Spiegel steht auf der Blumenwiese, die zum Ballsaal umfunktioniert wurde.

Die Begeisterung der Gartenbewohner ist heute tatsächlich noch größer, als damals, beim Trick der Blumenelfe mit den Glühwürmchen, um seinerzeit das Nachtkerzenkind zum Aufblühen zu bewegen. Die Kälte ist restlos vergessen und es sind schon erste entzückte Jubelrufe der Vorfreude zu hören. Alle eilen durcheinander zum Spiegel, um ihre Gala-Robe zu überprüfen. Das Beste ist tatsächlich, keiner merkt mehr, dass es Grenzen im Garten gab. Die Krokuskinder hüpfen den Hang hinauf und überschütten die Winterlinge mit ihrer Bewunderung, was sie für eine wunderschöne goldgelbe Leuchtfarbe hätten, und nehmen sie gleich als Tanzpartner mit auf die Wiese. Was für ein erhebender Anblick ist das!

Winterlinge und Elfenkrokusse in der Blumenwiese von Wurzerlsgarten

Zwischen den strahlenden Winterlingen wird auch die die blasslila Farbe der Krokusse viel intensiver. Nun ja, es ist die Vorfreude auf den Ball, die alle Blumen noch schöner leuchten lässt. Erste Gäste kommen auch auf die Wiese. Das Schneeglöckchenpaar hat sich für den Schneewalzer schon Goldschmuck angelegt. Die beiden Frühlings-Alpenveilchen tragen einen dunkellila Lidschatten und die Märzenbecher und die Primeln wollen Herrn Amsel-Mann zumindest mit dem Taktstock unterstützen.

Die Blumenelfe ist ganz zufrieden mit dem Orchester, aber den Walzertakt haben die Märzenbecher und Primeln nicht wirklich drauf. Aber, das macht nichts, das Orchester wird nur die Grundmelodie bimmeln. Herr Amselmann hat sich bereits erst in Schale geworfen und anschließend in die Brust, um bei seinem großen Auftritt als erstes eine Menge Flügelküsse auf die reizende Blumenschar zu werfen. Für einen Moment tritt absolute Stille ein. Die Spannung steigt ins unerträgliche.

Die Amsel singt zu Ehren des Blumenballs.

Damit sich die unterschiedlichen Tänzer noch schneller miteinander vermischen und verbinden, greift der Tenor zu einem Trick. Er beginnt mit einer flotten Polonaise, die ihn stimmlich zwar völlig unterfordert, aber seinen Mitstreitern erlaubt, die richtige Bimmel-Tonlage zu finden.

Schon mischt sich alles kunterbunt.

Schnell ist die Wiese bunt gemischt, es sieht so aus, als wäre es niemals anders gewesen. Plötzlich kommt ein Schrei aus der weißgrünen Segge. Das Winterlings-Kind war so am Staunen, dass es bis jetzt nicht gemuckt hat, aber dann hat es die gestrenge Frau Mama vor dem Spiegel in der Wiese entdeckt und mit einem tiefen, glücklichen Seufzer springt Purzel mitten in die Polonaise-Aufstellung und tanzt mit.

Winterlinge und Krokusse blühen vereint auf der Blumenwiese in Wurzerlsgarten.

“Was für ein herrliches Bild”, denken Wurzerl und die Blumenelfe, während sie dem bunten, fröhlichen Treiben auf der Tanzwiese zusehen. Inzwischen sind auch die Leberblümchen aus der hintersten Gartenecke bis zum Teich gekommen. Sie wollen nicht tanzen, sondern ganz vorne im ersten Rang, den großen Abschluss-Tanz des Balles erleben.

Die Leberblümchen freuen sich über erste Sonnenstrahlen in Wurzerlsgarten.

Dann ist es endlich so weit, der Ball schreitet auf seinen absoluten Höhepunkt zu. Die Tänzer auf der Blumenwiese warten auf das Zeichen des Maestros und darauf, dass Herr Amselmann den Schneewalzer anstimmt. Die ersten Takte stehen noch Alle andächtig still und schauen auf das Walzerpaar im Frühlingsbeet unter dem Fächerahorn. Auf dem kostbaren Primelteppich beginnt sich das Paar im Takt zu wiegen und zu drehen. Wurzerl wird bei diesem Anblick immer etwas wehmütig, es ist eine kostbare Erinnerung an ihre glücklichste Zeit und so eine Situation packt sie immer etwas an ihre Seele.

Das Walzerpaar eröffnet den Frühlingsball in Wurzerlsgarten

Herr Amselmann ist, als berühmter Tenor, weit über die Wurzerlstraße hinaus bekannt. Er stimmt den Schneewalzer an und wiederholt die Melodie so oft, bis alle Blumen erschöpft und beglückt zugleich, aufhören zu tanzen, um nur noch zuzuhören, wenn er fast zärtlich im Walzertakt sein Lied: “Wenn kein Schnee mehr runterfällt, und es blüht auf dieser Welt. Wenn die Drossel singt im Wald und mein eigenes Lied erschallt…”singt.

Frühlingslenzrosen in Wurzerlsgarten

So andächtig Alle zugehört haben, so überschlägt sich jetzt der Applaus. Die Frühlingslenzrosen haben sich fast ineinander verknotet in ihrem Eifer “da capo” zu rufen. Der Tenor singt immer und immer wieder den Schneewalzer, bis die Sonne ihren kurzen Tageslauf Ende Februar beendet. Die Tänzer auf der Wiese sind so erschöpft, dass sie zu müde sind, um an ihre angestammten Plätze zurückzukehren. Sie bleiben einfach da, wo sie zuletzt getanzt und neue Freunde gefunden haben. Es gibt ja so vieles, was man den neuen Nachbarn unbedingt noch am ersten Tag erzählen muss. Nur die Schneeglöckchen nutzen die Gunst der Stunde und rücken wieder etwas in die Mitte des Bachhügels, ist ja endlich wieder Platz!

Die Wurzerlwiese nach dem Frühlingsball

Alle sind sich einig, das war der beste Frühlingsball, den es je auf dieser Welt gegeben hat. Nun ja, sagen wir mal so, es ist der Einzige, den die Blumen in Wurzerlsgarten je erlebt haben. Wurzerl findet die Frühlingswiese, in dieser bunten Mischung um ein Vielfaches schöner als vorher in der Monofarbe helllila. Auch auf dem Bachhügel merkt man, dass jetzt alles viel entspannter zugeht als davor. Gut, es ist im Garten etwas lauter geworden. Aber, man hat ja so viel Getratsche nachzuholen. Als Wurzerl an die letzten Fernseh-Nachrichten denkt, seufzt sie nur und meint, wie schön es doch wäre, wenn auch Menschen ihre Probleme einfach mit einem Schneewalzer lösen könnten.

Fräulein Säulein hat verschlafen.

Während Wurzerl den Spiegel aufhebt, um ihn wieder ins Haus zurückzubringen, fällt ihr Blick auf die Teakholzliege. Das darf doch wohl nicht wahr sein! Der Tenor, Herr Amselmann, hat mit Unterstützung seines Glöckchen-Orchesters wirklich sein Bestes (und Lautestes) gegeben. Trotzdem hat Fräulein Säulein den Frühlingsball in Wurzerlsgarten völlig verschlafen.

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4 Kommentare

  • Margit sagt:

    Was für eine tolle Geschichte!
    Viele Grüße von
    Margit

  • Liebe Renate
    Der Gedanke das auch wir Menschen das so einfach mit einem Walzer lösen ist wunderschön. Ich hoffe so sehr auf so ein Wunder. Dein Märchen hat mein Herz erwärmt und einen Augenblick lang war alles so schön in Ordnung.Alle reden vernünftig miteinander und es gibt ein schönes Fest. Auf jeden Fall ist in deinem Garten ja wieder Frieden eingekehrt und alle Farben können zusammen das Gartenbild gemeinsam verschönern. Gemeinsam sind wir einfach am Stärksten.Ganz liebe Grüße Karin 😍

  • Troppmann Anneliese sagt:

    Lieber Wurzerl,
    ich sitze auf meiner Terrasse und habe Tränen in meinen Augen. Ich werde in meinem Leben beim Anblick der Blumensynphonie im Frühling wohl immer an dein wunderschönes Märchen denken. Dankeschön .
    Liebe Grüße Anneliese

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